Interview mit Lydiane Lutz: Meine Bilder sollen die Sehnsucht wecken.

Datum: 19. März 2026

Die nun bereits zweite Einzelausstellung der Galeriekünstlerin Lydiane Lutz Sehnsucht ist in unseren lichtdurchlässigen Räumen in Stuttgart eröffnet. Lydiane präsentiert eine völlig neue Serie von Arbeiten auf Plexiglas, die dem offenen Konzept und den luftigen Bildern, die die Künstlerin bislang geschaffen hat, eine neue Dimension verleihen.
Ich spreche mit Lydiane über ihre Inspirationen, darüber, was sie antreibt, mit welchen Themen sie sich auseinandersetzt und warum.
Lydiane Lutz in der EXOgallery
Lydiane Lutz vor ihrer Installation "Sehnsucht" in der EXOgallery, 2026

Ilona Keilich: Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen.“ sagte Johann Wolfgang von Goethe. Du meintest, dass deine Bilder sollen die Sehnsucht wecken; in den gespiegelten Himmel einzutauchen. Welche Bedeutung hat für dich Sehnsucht?

Lydiane Lutz: Sehnsucht hat für mich zwei Ebenen. Zum einen gibt es eine ganz alltägliche Form von Sehnsucht. Fast alle von uns kennen zum Beispiel das Gefühl, sich nach dem Frühling zu sehnen – nach Licht, Wärme und Aufbruch. In meiner Malerei gehe ich eine Ebene tiefer. Durch den künstlerischen Prozess erkunde ich, was ich als tiefer liegende Sehnsucht des Menschen empfinde. Während ich male, entsteht ein Zusammenspiel aus Sehen, Spüren und dem, was auf der Leinwand geschieht. In diesem Prozess ergeben sich neue Erkenntnisse. Diese Erfahrungen verankern sich dann tiefer in mir. Kunst kann uns an etwas erinnern, das wir längst in uns tragen. Diese Berührung und dieses Erinnern bewegen mich sehr. 

Wie kann man deine Werke in dem gegenwärtigen Kunstkontext sehen. Wonach sehnt sich die Gesellschaft heutzutage? Warum ist deine Kunst gerade jetzt so bedeutsam?

Ich glaube, dass sich viele Menschen heute nach Stabilität und Sicherheit sehnen. Und nach Ruhe – nach einem Ort, an dem man innerlich ankommen kann. In einer Zeit, in der wir ständig Informationen, Medien und äußeren Einflüssen ausgesetzt sind, wächst vielleicht auch die Sehnsucht nach echter Verbindung: nach Begegnungen mit anderen Menschen, nach Gemeinschaft und Nähe. Die Sehnsucht nach Echtheit scheint mir heute sehr stark zu sein – nach etwas Spürbarem und Wahrhaftigen – gerade im Kontrast zu einer immer digitaleren Welt.

Meine künstlerische Arbeit hat auch deshalb Bedeutung, weil sie einen solchen Ort widerspiegeln kann – einen Raum der Ruhe, in dem man beim Betrachten innerlich ankommen darf. Die Figuren in meinen Bildern befinden sich oft an anderen Orten: Orte der Ruhe, der Sicherheit und der Verbindung. Dabei geht es um innere Themen wie Loslassen, Beziehung, Begegnung und Vertrauen. Auch die Farbe spielt dabei eine wichtige Rolle – sie trägt diese Atmosphäre und öffnet einen Raum für Empfindung.

Lydiane Lutz exhibition at EXOgallery
Installation View "Sehnsucht" in der EXOgallery, 2026

Kunstgeschichtlich wurde die Frau oft als Muse, als ein Ideal für Männer dargestellt. Bei dir ist die Frau einfach präsent, ohne eine Rolle zu übernehmen, ohne sich behaupten zu müssen. Sie vertraut dem, was kommt. Sie geht mit Mut und Selbstvertrauen gegen die Welle, in die Welt, in das Leben hinein. Welche Bedeutung hat es für Dich, die Frau so in Deiner Kunst darzustellen?

Ich male die Frau so, wie ich sie wahrnehme – und wie ich das Wesen von Frauen empfinde. Ich sehe in uns Frauen Stärke, Würde, Mut und eine große emotionale Tiefe. Für mich sind das Qualitäten, die uns im Innersten innewohnen, auch wenn sie bei jeder Einzelnen unterschiedlich sichtbar werden. Mich interessieren besonders die Momente des Seins. Meine Bilder verstehe ich als Erinnerungen daran, dass wir uns Momente erlauben dürfen, in denen wir einfach sind. Momente, in denen wir loslassen können.

Vertrauen zu können ist für mich etwas sehr Wertvolles. Im Alltag, der oft von Geschäftigkeit geprägt ist, gerät dieses Gefühl leicht in den Hintergrund – zumindest erlebe ich das immer wieder bei mir selbst. Deshalb brauche ich Erinnerungen daran. In meiner Kunst finde ich diese Erinnerungen wieder. 

Mich beschäftigt die Frage: Was geschieht, wenn wir mutig dem folgen, was wirklich in uns liegt – unseren Stärken und unserer eigenen Aufgabe? Diese Frage erforsche ich in meiner Malerei. Und ich bin neugierig darauf, was daraus entsteht.

Eine neue künstlerische Etappe deutet oft auf eine innere Veränderung der Schaffenden. Passt dieser Satz zu deiner Entwicklung oder ist es gerade umgekehrt und deine Bilder haben dich verändert?

Für mich ist Kunst immer ein Weitergehen. Der künstlerische Prozess ist ein ständiges Erkunden. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und habe große Freude daran, Dinge zu erforschen. Deshalb fällt es mir schwer zu sagen, was zuerst kommt. Ich glaube, dass beides sich gegenseitig beeinflusst – es ist eine Art Wechselwirkung. Jede Phase verändert etwas. Man befindet sich immer in einem Prozess: unsere Umgebung, das Leben, die Kunst selbst – all das wirkt auf uns ein und formt uns immer wieder neu.

Lydiane Lutz exhibition at EXOgallery
Lydiane Lutz - Sehnsucht II, 2026
Lydiane Lutz exhibition at EXOgallery
Pigment and acrylic on glass, wooden block, 30 x 30 x 30 cm

In deiner Technik spielt Zufall und bewusstes Einsetzen von Pigmenten und Wasser eine wichtige Rolle. Wie wichtig ist es für dich als Künstlerin, aber auch in deinem privaten Leben, den Zufall zuzulassen und ihn hinzunehmen? Wo liegt für dich die Balance zwischen Loslassen und Kontrollverlust?

Der Begriff „Zufall“ fühlt sich für mich manchmal etwas zu beliebig an. Ich erlebe es eher so, dass Dinge in mein Leben kommen – und ich dann herausfinden kann, was in ihnen steckt. Das gilt auch für den künstlerischen Prozess.

Wenn ich male, geschieht zum Beispiel etwas mit den Farben auf der Leinwand. Dann nehme ich sehr bewusst wahr: Was zeigt sich hier? Was sagt mir dieser Moment? Darauf reagiere ich. Ich integriere es, verändere es, übermale etwas oder lasse es bewusst stehen, wenn es sich richtig anfühlt.

Ganz ähnlich empfinde ich es im Leben. Wir dürfen immer wieder entdecken, was wir gestalten können. Genau dieser Prozess interessiert mich. Er ist oft herausfordernd, manchmal bringt er uns an Grenzen oder sogar darüber hinaus. Das kann auch schmerzhaft sein. 

Gerhard Richter hat in seiner Praxis immer wieder mit Glas gearbeitet. Es ging ihm oft darum, dass Glas – obwohl es transparent ist – immer das spiegelt, was es umgibt. Es ist nie nur er selbst. Warum war für dich gerade jetzt der Moment gekommen, die Leinwand durch Acrylglas zu ersetzen?

Ich finde es immer wieder spannend, wenn sich Dinge nach langer Zeit neu zusammenfügen. Schon vor etwa zwanzig Jahren, während meines Studiums an der Kunstakademie München, habe ich mit Glas gearbeitet. Und jetzt ist dieses Material auf eine neue Weise wieder zu mir gekommen.

Die Themen, die mich in den letzten Jahren stark beschäftigen – besonders das Wasser – wollte ich auf einem anderen Material erproben. Acrylglas eröffnet dabei eine neue räumliche Dimension. Es bringt die Arbeiten stärker in den Raum. Bereits auf meinen Leinwänden habe ich oft bewusst Raum gelassen – einen offenen Bereich, der eine Art Korrespondenz mit den Betrachtenden ermöglicht.

Es geht mir weniger darum, die Leinwand zu ersetzen, sondern darum, die Themen, die mich beschäftigen, auf unterschiedliche Materialien und Ebenen zu übertragen.

Lydiane Lutz' Inspirationsquelle. Still des Videos der Künstlerin.
Wasserspiegelung als Inspirationsquelle

Bedeutet Durchlässigkeit und Offenheit gleichzeitig Verletzlichkeit?

Ich glaube schon, dass Offenheit auch Verletzlichkeit mit sich bringt. Wer sich öffnet, macht sich in gewisser Weise angreifbarer. Gleichzeitig sehe ich darin aber auch eine große Chance: Vielleicht lädt uns diese Offenheit dazu ein, verantwortungsvoller und achtsamer miteinander umzugehen. Gerade im menschlichen Miteinander könnte darin eine wichtige Qualität liegen.

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Die Ausstellung Sehnsucht von Lydiane Lutz ist bis 11. April 2026 in der EXOgallery zu sehen.